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War die Katastrophe vermeidbar?

Dokumentation zu den Ausschreitungen beim Loreley Festival

Sunrise-Concertbüro

Nachher wussten die Hohepriester unter den Rockschreibern mal wieder alles besser. Das Desaster nach der Konzertabsage von "Jefferson Starship" sei durchaus vermeidbar gewesen, einem routinierten Veranstalter wäre das nicht passiert. Das war noch der geringste Vorwurf. Andere sprachen von Betrug und machten damit das Publikum schon prophylaktisch auf das nächste Debakel scharf. Das schlimmste an den Ausschreitungen war nicht der materielle Schaden (Warum äussert sich eigntlich niemand, mit welcher Übersicht hier Personenschäden vermieden wurden?) oder die Tatsache, dass ein kleiner Teil des zurecht verärgerten Publikum ausklinkte, sondern die verantwortungslose Berichterstattung einiger weniger Journalisten. Im Nachhinein versuchten sie mit perfider Volksverhetzermanier dem Veranstalter einen Betrug unterzujubeln und darüberhinaus einmal wieder die Veranstalterbranche in Bausch und Bogen als Hasardeure zu verdammen

Am schlimmsten trieb es neben dem "Rheinischen Post"-Mitarbeiter Uwe Witsch mal wieder der Frankfurter Amateur-Rockschreiber und Branchenpapst von eigenen Gnaden Reginald Rudorf. Während die meisten Redaktionen sich entweder auf sauber recherchiertes Agenturmaterial stützten oder selbst Interviews machten, fanden Rudorf und Witsch, hier seien andere Methoden angebracht.Der eine (Witsch) machte pro forma ein Interview, um dann doch zu schreiben, was er dachte. Der andere (Rudorf) machte erst gar kein Interview, sondern schlug gleich zu.

Im folgenden wollen wir die wichtigsten Vorwürfe, die im Zusammenhang mit der Loreley-Veranstaltung erhoben wurden, zusammenfassen und entkräften:

1.Vorwurf

Ein unseriöser Veranstalter hat das Konzert schlecht vorbereitet.

Tatsache ist: Werner Kuhls ist unter den deutschen Veranstaltern derjenige mit der grössten Erfahrung in Sachen Open-Air-Konzerte. In den Jahren 1973 bis 1978 fanden unter seiner Leitung insgesamt zwölf Open-Air-Veranstaltungen statt mit insgesamt 180.000 Besuchern. Die grössten Kuhls-Open-Airs: das erste Scheessel-Festival (1973) mit 45.000 Besuchern, die First Golden Summernight in Ludwigsburg (1975) mit 28.000 Besuchern und die Second Golden Summernight in Göppingen (1977) mit 25.000 Besucher.

2.Vorwurf

Angeblich habe der Veranstalter es versäumt, sich genaue Kenntnis der Verfassung der Gruppe zu verschaffen. Sonst hätter er wissen müssen, was ihm bevorstand.

Tatsache ist, dass sich Werner Kuhl mit Gruppe und Management bei der Vorbereitung der Tournee getroffen hat und sich die Band in hervorragender Verfassung befand. Am 13. Mai erlebten deutsche Journalisten das Premieren-Konzert der Starshio US-Tournee. Laut "Musikjoker" ein grosser Erfolg. Die Gruppe traf vier Tage vor Beginn der Europatournee in Amsterdam ein, um sich zu aklimatisieren. Zwei Tage vor der Loreley gab "Jeferson Starship" ein grossartiges Konzert in Amsterdam. Am Tage vor dem Debakel kam die Gruppe bei bester Laune und Gesundheit in Wiesbaden an.

3.Vorwurf

Angeblich habe der Veranstalter bereits vor Öffnung der Eingänge gewusst, das "Jefferson Starship" nicht auftreten werde. Man habe bewusst das Publikum nicht informiert, um es zu betrügen.

Tatsache ist, wie man aus der beiliegenden chronologischen Aufstellung entnehmen kann. dass Werner Kuhls gegen 16.35 zum ersten Mal von der Krankheit Grace Slicks erfuhr. Zwar war der Arzt schon fast zwei Stunden vorher gerufen worden, doch dies hatte das Management der Gruppe solange verschwiegen. Da der Arzt der Meinung war, dass durchaus Hoffnung bestehe, dass Grace Slick gegen 20.30 Uhr auf die Bühne gehen könne wenn es gelingen würde, die Darmtätigkeit, die zum erliegen gekommen war, wieder anzuregen. Die Entscheidung wurde auf 18.30 Uhr vertagr. Erst als die zweite Absage kam und die Gruppe auch den Vorschlag, ohne Grace Slick auf die Bühne zu kommen, ablehnte, gab man die Absage bekannt.

4.Vorwurf

Der Veranstalter habe keinen geigneten Ersatz angeboten.

Diese Behauptung ist eine glatte Lüge. Dem Publikum wurde in englischer und in deutscher Sprache der Sachverhalt erklärt. Das Angebot lautete: Falls Grace Slick innerhalb der nächsten Tage wieder gesund wird, findet am 2. Juli ein Ersatzkonzert statt. Andernfalls wird ein Teil des Eintrittsgeldes erstattet. Genauer Konzerttermin oder die Modalitäten der Geld-Rückerstattung sollten binnen drei oder vier Tagen über die Medien bekanntgegeben werden. Dies ist inzwischen, genau wie versprochen, geschehen. Nachdem die Tournee endgültig abgebrochen wurde, gab das Sunrise Concertbüro am 2l. Juni, also vier Tage nach der Veranstaltung bekannt, dass für jedes eingesandte Ticket DM ll,5O zurückgezahlt werde. Unseres Wissens ist dies in der Geschichte der deutschen Open-Air-Festivals das einzige Mal, dass verständlicherweise einttäuschte Fans so fair von Veranstalter und Gruppe behandelt wurden.

Tatsächlich enstandene Schäden    
1. Schaden "Jefferson Starship"    
a)  Backline der Gruppe DM  380.000,-- 
b)  Da "Jefferson Starship* für die Loreley und Berlin die Gage zu- rückgezahlt hat, sind für sie Kosten und Unterkunft,Reise, Anlagemiete,Transport der eigenen Anlage aus Amerika und Technikerkosten entstanden  

DM  150.000,--

 
2 .Schaden TFAElectrosound, London Sound- und Lightsystem DM  230.000,--  
3. Schaden C.B.O.    

Beschädigungen an der LoreleyFreilichtbühne (Bühnenüberdachung,
Zaun, Apsperrung etc.)

 

DM  200.000,--

 

                                                                         Gesamtschaden:

DM 960.000,-- 
Schadensregelung

Aufgrund eines Abkommens zwischen Sunrise und dem Management von "Jefferson Starship" kommt die Gruppe für die Schäden an allen technischen Anlagen auf ( Punkt eins und zwei. Sunrise trägt die Schäden, die an der Bühne entstanden sind. Die Reparaturen werden in den nächsten Monaten durchgeführt.

Ausserdem zahlt die Gruppe ihre Gage für dieses Konzert an Sunrise zurück. Aus dieser Summe werden für jedes eingesandte Ticket DM 11,50 erstattet. Diese Regelung ist bis zum 1.August '78 (Datum des Poststempels) befristet.

Versicherungsfrage

Sowohl Anlage als auch Bühnenbedachung waren versichert. Leider gewährt selbst Lloyds in London für "Aufruhr" keinen Versicherungsschutz.

 

Chronologie der Ereignisse am 17. Juni auf der Loreley und den folgenden Tagen:

   

Uhrzeit  

 Loreley  

Hotel in Wiesbaden

   

17.Juni 1978

  
12.00  

Aufbau der technischen Anlage ist beendet. Einlass des Publikums. 

 
13.00  
Grace Slick wird nach dem Genuss von Obst übel.
Sie schluckt Tabletten zur Beruhigung des Magens .
14.45    Grace Slick hat so starke Schmerzen, dass Manager Bill Thompson einen Arzt ruft.
15.10  Der Arzt kommt ins Hotel. 
16.00 Die Gruppenmitglieder  David Freiberg, Craig Chaquico sowie die beiden Bläser Schuster und Faray treffen nichtsahnend auf der Loreley ein. 
16.10     Der Arzt befindet: Grace Slick kann nur unter Lebens-Gefahr auftreten. Er verbietet ihr jede Bewegung, da die Möglichkeit eines Darmdurchbruchs besteht.
14.45   Anruf Bill Thompson an Werner Kuhls auf der Loreley. Da dieser gerade auf der Bühne ist, bittet um Rückruf, erwähnt aber nichts von Grace Slicks Krankheit. 
16.30 "BRAND X" beginnt pünklich mit dem Vorprogramm. 
16.35  Rückruf Werner Kuhls an Bill Thompson. Mitteilung: Grace Slick kann nicht auftreten. Werner Kuhls erhält Name und telefonnummer des Arztes, der auf dem Weg nach Hause ist.
17.00  Werner Kuhls erreicht nach mehreren vergeblichen Versuchen den Arzt. Er schickt ihn zu einer zweiten Visite ins Hotel zurück, da dieser ihm versichert, dass  der kritische Zustand vorüber-gehender Natur ist, und dass durchaus Hoffnung bestehe, dass Grace Slick in einigen Stunden wieder auftreten könne. Endgültige Diagnose für 18.30 erbeten.
17.15 Vorsichtshalber wird bereits die Tageskasse geschlossen, da zu befürchten war, dass nicht mehr die vollwertige Leistung erbracht werden kann. Die noch wartenden Fans werden ohne Eintritt eingelassen.    
17.50 Tommy Richter von Sunrise trifft im Hotel ein 
18.00  Telefonat Freiberg zu Thompson: Die Musiker, die auf der Loreley sind, wollen auch ohne Grace Slick spielen. 
18.10     Leo Kottke geht auf die Bühne 
18.25   Telefonat Bill Thompson an Werner  Kuhls. Grace Slick Zustand besser, aber unmöglich aufzutreten.
ab 18.30 Diskussion, ob die Gruppe allein auftreten kann, Paul Kantner stellt sich quer: "Jefferson Starship" ohne Grace Slick, das ist wie die Stones ohne Mick Jagger. Endgültige Absage des Konzertes durch Bill Thompson. Begründung: Keine Einigung der Gruppe über einen Auftritt ohne Grace Slick.
19.10 Werner Kuhls informiert Ordnungsdienst und Polizei (zusammen 110 Mann), die in  Bereitschaftsstellung gehen.
 
19.20 Werner Kuhls akzeptiert die Absage aus Krankheit (laut Vertrag ein Act of God), besteht aber auf Vertrags-erfüllung, d.h. alle gesunden Bandmitglieder sollen zur Bühne kommen. 
19.30   Manager lehnt ab.
19.35  Leo Kottke beendet seinen Auftritt.
19.50  Werner Kuhls, David Freiberg und Tourmanager Bill Laudner gehen auf die Bühne und erklären dem Publikum nach Absprache mit Thompson in englischer und deutscher Sprache den Sachverhalt.Das Angebot der Gruppe lautet:: Ersatzkonzert am 2.Juli, wenn Grace Slick gesund ist. Wenn nicht möglich, dann ein Teil des Geldes zurück. Bekanntgabe durch die Medien binnen drei oder vier Tage. 
20.00Als die ersten Steine und Flaschen fliegen, zieht sich der Ordnungsdienst zurück.80 bis 100 Rowdies stürmen die Bühne. 
20.30 Polizeikräfte wurden auf 200 Mann verstärkt. Werner Kuhls verhindert den Einsatz der Polizei. Devise: lieber Sachschäden als Mord und Totschlag. 

18.Juni 1978

  
mittagsGrace Slick lässt sich zu einem Lokaltermin auf die Loreley fahren.  
14.30  Grace Slick:" Ich verstehe nicht, dass mich das Publikum so für meine Krankheit bestraft hat. Aber in Hamburg gehe ich auf die Bühne, tot oder lebendig.
nachmittags  Die Gruppe auf dem Weg nach Hamburg.
und abends Die Sunrise Crew organisiert binnen weniger Stunden eine komplette neue Anlage, u.a. helfen Lake und Udo Lindenberg.

19.Juni 1978

  
11.00 Pressekonferenz im Hotel Plaza in Hamburg. 
ab 14.00Grace Slick steht unter permanenter Aufsicht eines Arztes. 
20.00 Konzert im CCh in Hamburg findet statt, obwohl Grace Slick sich während des Auftritts übergeben muss und sich auch nur mit starken schmerzstillenden Medikamenten aufrecht halten kann. 

20.Juni 1978

  
01.30  Das Berliner Konzert in der Waldbühne wird abgesagt. 
21.Juni 1978Meldung über DPA: ein Teil des Eintrittgeldes des Loreley-Konzertes wird zurückgezahlt. 
22./23.Juni 1978Rundschreiben an alle Medien mit dem gleichen Inhalt.
 
30.Juni 1978Der Gemeinderat von St. Goarhausen beschliesst einstimmig: der Vertrag mit C.B.O. läuft weiter. Kuhls trifft nach eingehender Untersuchung und Anhörung aller Verantwortlichen  keine Schuld. Die Katastrophe war nicht vermeidbar. 
Der Gemeinderat von St. Goarhausen beschliesst einstimmig: der Vertrag mit C.B.O. läuft weiter. Kuhls trifft nach eingehender Untersuchung
und Anhörung aller Verantwortlichen keine Schuld. Die Katastrophe war nicht vermeidbar.

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