< back to Europe - Tour 1978


SOUNDS - German Rock-Magazine, issue 08 / 1978

 


-
BEKANNTE FLUGOBJEKTE DER JEFFERSON'SCHEN ART -
 

from Andy McConnell




Das Sternenschiff aus San Franzisko, von einigen Tausend Fans mit Spannung erwartet, setzte zur Landung an und zerschellte auf dem Loreleyfelsen. Andy McConnell war von Anfang an dabei und begleitete die Band von der Katastrophe am Rhein über das Chaos in Hamburg bis hin zum doch noch geglückten, erneuten Höhenflug in Knebworth.


LORELEY-FESTIVAL  St.Goarshausen



Am Freitag, dem 16.Juni kam das Starship in Deutschland an - mit dem Zug. Hinter sich hatte die Gruppe eine fünfwöchige USA-Tournee sowie ein Album oben in den Charts. Ihre erste Europa-Tournee seit acht Jahren hatte mit einem erfolgreichen Konzert in Amsterdam begonnen, und die Stimmung wie Selbstvertrauen waren gut.
Fünf Tage später sollte alles ganz anders aussehen. Die Gruppe bezog den “Nassauer Hof“ in Wiesbaden, und die Roadcrew machte sich sofort auf den Weg zum Festivalgelände auf der Loreley. Als die Starship-Leute am nächsten Morgen aufwachten, deutete sich an, dass nicht alles Sonnenschein war. Grace Slicks Ehemann, Skip Johnson, der Licht-Chef der Starship, berichtete John Barbata, dem Schlagzeuger: “Grace hatte eine ziemlich schlechte Nacht. Der Arzt kommt gleich.“

Aber keiner machte sich besonders Sorgen. Man bereitete sich auf den Gig vor. Um 14.30 Uhr verließen Barbata, der Gitarrist Craig Chaquico und David Freiberg das Hotel, um zur Loreley zu fahren. Der Arzt kam zehn Minuten später und begab sich sofort in Grace Slicks Suite. Die Sängerin beschrieb ihm die Symptome ihrer Krankheit. Sie hatte fast nicht geschlafen, sich übergeben und litt überdies unter starken Magenkrämpfen. Der Arzt prüfte ihren Puls. Extrem niedrig. Er sah sich außerstande, eine endgültige Diagnose zu stellen, vermutete aber, es handele sich entweder um Blinddarmentzündung oder eine Magen- und Darminfektion. Jedenfalls erklärte er: „Ich würde der Patientin dringend davon abraten, heute Nachmittag aufzutreten – sollte es zu einem Durchbruch kommen, würde sie wahrscheinlich dran sterben.“

Es war schon 15.20 Uhr als der Starship Manager Bill Thompson die Nachricht erhielt. Er hatte seine Frau Judy, den Sohn Tyrone und Paul Kantner mit Grace Slicks Tochter China in Wiesbadens Heilquellen ausgeführt. Vierzig Minuten später stand Thompson an Slicks Bett. Sie bestätigte ihm, was er gehört hatte. Daraufhin rief Thompson Werner Kuhl an, Den Promoter der drei Konzerte in Deutschland – Loreley, Hamburg am folgenden Montag und Berlin einen Tag später. Kuhls nahm den Anruf entgegen, wo das Publikum gerade auf die erste Gruppe, Brand X, wartete.

„Werner, wir haben ein Problem“. verkündete Thompson. “Grace ist krank. Der Arzt sagt, es sei lebensgefährlich, wenn sie auftritt.“ Kuhls Unterkiefer klappte weg. 8500 saßen im Nieselregen unter grauen Wolken... und sein Headline-Act wollte absagen. Er schluckte. „Die Telefonnummer des Arztes“, sagte er, „ich will selbst mit ihm sprechen.“ Kuhls wählte die Nummer. Der Arzt war nicht da, aber man sagte zu, er werde zurückrufen, sobald er käme. Der bärtige Promotor mit der Bärenstatur legte auf und ging zur Bühne. Alles bereit. Um 16.30 Uhr trat der DJ von Radio Luxemburg, Mark Wesley, ans Mikrofon und kündigte Brand X an – das Loreley Festival hatte pünktlich begonnen.

Im Festival-Büro war der Arzt für Kuhls am Telefon. Er bestätigte die Diagnose, erklärte sich aber bereit, noch mal ins Hotel zu fahren und Grace Slick zu untersuchen, nachdem man ihm erzählt hatte, dass sie lange Drogen- uns Alkoholmissbrauch betrieben hatte. In der Zwischenzeit war es im „Nassauer Hof“ zu heftigen Auseinandersetzungen gekommen. Kantner war der Zutritt zum Zimmer seiner ehemaligen Geliebten durch Johnson, ihren gegenwärtigen Ehemann, verweigert worden. Die Hölle brach los: Kantner und Johnson wollten mit Fäusten aufeinander los. Plötzlich riss Slick die Tür auf und schrie: “Hört auf, ich will so was nicht!“

Um 17 Uhr, als der Arzt kam, hatten sich die Gemüter etwas beruhigt. Slick, eh auf niedrigstem Gewicht seit Jahren, sah Weißgott unterernährt aus. Ihr Gesicht war grau und eingefallen. Ihre sonst ungewöhnlich klar und durchdringenden Augen verschleiert. Der Arzt schlug vor, ihren Puls mit Pillen in die Höhe zu treiben – dann könne sie vielleicht auftreten. Wenn sie extrem vorsichtig war. Nachdem sie von dieser zweiten Diagnose gehört hatten, kamen Kantner und Balin sofort zu ihrer übriggebliebenen Partnerin aus früheren Starchip-Tagen. Sie unterhielten sich eine Viertelstunde über die Situation, bevor Grace verkündete, sie habe sich entschlossen, nicht aufzutreten. „Und nicht nur diesmal nicht“, sagte sie trotzig. „Ich will mit euch Typen nie wieder zusammenspielen.“ „Ich bin’s satt, die sechziger Jahre wiederzukäuen. Ich bin’ all die Anmachereien und Scheißtrips leid, die in der Band laufen“, braust sie auf, und dann weiter: „Mir gefällt der Sound nicht, und außerdem hat’s für diese ganze verfickte Tour keine Publicity gegeben!“ Sie hielt inne, um Atem zu holen. Kantner verließ Slicks Zimmer wie benommen und rannte prompt mit dem Kopf gegen die nächste Wand. Vor den Kopf gestoßen!

Um 17.50 Uhr traf sich Tommy Richter, der Tour Manager von Kuhls’ Sunrise Productions, mit Pete Sears, dem englischen Bassisten und Pianisten von Starship, im Foyer des „Nassauer Hofs“. Sie gingen zu Thompson, Kantner und Balin auf den Flur vor dem Zimmer der siechen Sängerin. Sears und Balin sprachen über eine mögliche Set-Folge, bei der man Slick am wenigsten brauchte: „Ride The Tiger“, „Play On Love“, „Caroline“....”.Volunteers“.

Kantner lehnte an einer Fensterbank und hörte nur mit halbem Ohr zu. Aber plötzlich schien ein Wort, ein Song seine Aufmerksamkeit zu erregen. Er blickte auf. „ ,Volunteers’ ohne Grace?... Starship ohne Grace? Unmöglich!” Er war entschlossen: Wenn Grace nicht auftreten wollte, dann konnten die Starship nicht auftreten. „Wir können nicht spielen. Es wäre wie die Stones ohne Jagger. Ich will unser Publikum nicht zum Narren halten.“ Balin und Sears protestierten. Aber Kantner ließ sich nicht umstimmen. Sears schlug vor, dem Publikum die Situation zu erklären und dann eine improvisierte Session zu machen. Alle sahen auf Balin. „Ich kann ohne Grace auskommen“ sagte er. „Aber nicht auch noch ohne Paul - seine Gitarre eröffnet alle Songs.“

Tommy Richter rief seinen Chef auf der Loreley an und meldete die Entscheidung: Die Jefferson Starship treten nicht auf. Kuhls wusste zu berichten, dass die Stimmung des Publikums schon jetzt schlechter wurde, und man musste den Leuten zudem noch die Absage einer weiteren Band – Jonathan Richman – bekannt geben. Richter sagte. Thompson und die Musiker hätten sich bereiterklärt, das Loreley-Publikum durch ein Free Concert am 2. Juli zu entschädigen, für ein Auftritt heute sei jedoch kaum eine Hoffnung.

Kuhls wusste das Angebot wohl zu schätzen, aber er war sich bewusst, was in der Vergangenheit passiert war, wenn englische oder amerikanische Bands nicht auftraten. In Frankfurt hatten verärgerte Fans bei Jeff Beck- und Uriah Heep-Konzerten Anlagen zerstört. In Fehmarn waren Wohnwagen, Zelte und ein Gasthaus in Flammen aufgegangen. Am schlimmsten wr doch die Erinnerung an Scheessel, als vor weniger als einem Jahr die gesamte Bühne einschließlich PA-system Lichttürmen in Schutt und Asche gelegt worden war, als von dreiundzwanzig angekündigten Bands nur fünf auftraten. Kuhls erinnerte sich daran, dass es in jener Nacht eine Million Mark Sachschaden gegeben hatte. Und dann blickte er hinaus auf das Loreley Publikum, das sich unter Plastik-Planen vorm Regen schützte.

Tausende von GIs füllten das alte Amphitheater, scheinbar alle mit rosa Aknegesichtern, befohlen kurzen Harren und Kampfanzügen. Amerikas Beitrag zur Natofront. Wenn der Krieg kommt, dann sind sie das Kanonenfutter, und sie wissen es. Viele von ihnen taumeln schon durch die Gegend, pissen an Wände, hauen Bier und Downer weg, rauchen Dope und sind auf der Jagd nach loose pussy. Einsame junge Leute, Fremde in einem fremden Land. Und seit der Dollar so sank, auch am.In einer solchen Situation schleicht sich leicht Paranoia ein.

Gegen 18.30 Uhr hatte sich allgemein das Gerücht verbreitet, dass weder die Atlanta Rhytm Section noch Jonathan Richman mit seinen Modern Lovers auftreten würden. Diese Nachricht erfreute niemanden. Wenn es etwas gibt, das miesgelaunte GIs und weggetretene Deutsche nervt, das sind angekündigte Bands, die nicht auftreten. Schließlich hatte man 23,- DM für ein Ticket rausgetan, das Wetter ertragen uns sich allen Unannehmlichkeiten ausgesetzt die Festivalbesuche eh mit sich bringen. Werner Kuhls starrte nach draußen. Seine Lippen waren zusammengepresst, sein Blick härtete sich, sein Gesichtsausdruck war grimmig wie der eines Mannes der drauf und dran ist, 200 000 DM zu verlieren. Die Kids wurden immer unruhiger Brand X ahnte nichts getan sie zu erwärmen, und die akustischen Liedchen von Leo Kottke – der gerade auf der Bühne war – waren auch kaum Manna für die Ohren an diesem nassen unfreundlichen Tag.

Der Promotor wandte sich an den Chef seiner Sicherheitstruppe. Sie hatten 58 Mann zur Verfügung: 18 auf der Bühne und 40 auf dem Gelände. Kuhls gab die Anweisung. Sie so unauffällig wie möglich vor der Bühne zusammenzuziehen. Fliegende Händler wurden informiert und begannen einzupacken... Feuerwehr und Polizei am Ort wurden angerufen und in Alarmbereitschaft versetzt.

Als Leo Kottke zu seiner ersten Zugabe auf die Bühne kam, musste ich zwischen Bergen von mattschwarzen Kisten hindurchquetschen :Starship Equipment. Bereit zum Gebrauch. Und hier gibt es jetzt verschiedene Versionen der Geschichte! Die Leute im sechzig Kilometer entfernten Hotel – Thompson, Kantner, Balin – sagen, dass ihnen die möglicherweise katastrophalen Konsequenzen, die es haben kann, bei einem deutschen Rockfestival nicht aufzutreten, nicht bewusst gemacht worden seien. Dass Tommy Richter und Werner Kuhls ihnen nichts davon gesagt hätten. Richter und Kuhls jedoch behaupten, sie hätten die Gefahren sehr deutlich gemacht.

Sicher ist jedoch, dass die Stimmung auf der Loreley immer schlechter wurde. Bierdosen wurden nach jenen geworfen, die sich nicht hinsetzten – und trafen diejenigen, die den ganzen Tag gesessen hatten. Der Himmel verdunkelte sich immer mehr, es wurde Abend.

Leo Kottke war um 19.12 Uhr fertig. Sein Europa-Manager, Barrie Marshall, informierte ihn sofort über die Lage und schlug vor: „Verschwinden wir hier so schnell wie möglich!“ Um 19.15 Uhr rief Werner Kuhls wieder bei der Polizei im nahegelegenen Koblenz an. Man schlug vor, von der Bühne anzusagen, dass Starship mit einer Stunde Verspätung auftreten würde. In der gewonnenen Zeit könne man Verstärkung schicken. Kuhls erwiderte, eine längere Wartezeit werde die Gefahren nur vergrößern.

Die drei Starship-Musiker, die auf dem Gelände waren – Freiberg, Barbata, Chaquico – diskutierten die Möglichkeit, zu dritt aufzutreten. Das schien ihnen jedoch unmöglich, weil kein Sänger unter ihnen war. Kuhls und Freiberg riefen ein letztes mal im Hotel an, dann wandten sie sich an Tourmanager Bill Laudner. Zeit es alle wissen zu lassen.

Lauder war der erste am Mikrofon. Man hatte sich entschlossen, die erste Absage auf Englisch zu machen, denn viele Deutsche sprechen Englisch, ber nur wenige GIs Deutsch. „Unfortunately, Grace Slick is ill, and so the Jefferson Starship cannot play today“, knurrte Lauder durch das PA. “Dies ist einer der schwersten Augenblicke meines Lebens“, fuhr Kuhls auf Deutsch fort. „Die Gruppe hat sich jedoch bereit erklärt, am 2.Juli wiederzukommen und ein Free Concert zu geben. Hier neben mir steht David Freiberg....“ Aber keiner wollte mehr zuhören.„Scheisse!!!“, schrien sie. Bierdosen flogen. Dann Flaschen. Dann Steine und Felsbrocken.

Eine Weinflasche traf einen von Kuhls’s Sicherheitstruppe voll ins Gesicht. Er brach zusammen. Der Boss der Sicherheitstruppe fand Kuhls auf der rechten Bühnenseite. „Hör mal zu, Mann“, sagte er mit ernster Stimme. „Ich kann nicht zulassen, dass meine Leute verletzt werden. Sie werden nicht dafür bezahlt, sich umbringen zu lasen.“ Kuhls nickte einsichtig, und die 58 Männer wurden von der Bühnenfront zurückgezogen. Eine weitere Flasche segelte durch die Luft und traf den Chef-Roadie Paul Dowell. Er musste genäht und wegen einer Gehirnerschütterung behandelt werden.

Dann begann die Invasion. Deutsche und GIs gleichermaßen sprangen über die Barrieren und attackierten alles was die Aufschrift „Starship“ trug, mit erstaunlicher Wut. Jemand hatte eine Axt und schlug damit auf die Marshall-Verstärker ein, ein anderer malträtierte die Boxen mit einem Stilett. Die Menge jubelte ihre Zustimmung. Zertrümmerte Geräte wurden auf einen Haufen geworfen, mit Kerosin begossen und angezündet. Die Roadies – Engländer, Deutsche, Amerikaner – mussten hilflos zusehen. Die Feuerwehr kam, um zu löschen. Das gelang ihnen, aber nach einer Stunde mussten sie wiederum ausrücken. Um den dritten und den vierten Brand kümmerten sie sich dann nicht mehr. GIs baten die Feuerwehrleute die Schläuche gegen die wütende Menge richten zu dürfen. Man verweigerte es ihnen.

30 Uniformierte Polizisten standen da und betrachteten das zerstörerische Werk. Keiner von ihnen rührte sich. Nach deutschem Gesetz brauchen Polizisten nicht Leib und Leben aufs Spiel setzen, um materielle Güter zu schützen. „Man hat den Eindruck, alle Leute sind Hier mit Schraubenziehern zum Festival gekommen“, sagte Thompson Assistent Jackie Kaukonen. Die Fans begannen die Lichttürme abzubauen. Ein halbes Dutzend machte sich daran, die Bühne auseinander zunehmen. Sie lösten die Verspannungen, schraubten die Stützen los. Dann stießen sie alles um.

Zweieinhalb Stunden später loderten noch immer die Flammen. Die Menge brüllte: „Scheessel....Scheessel....Scheessel“ denn sie fand Gefallen an der Wiederholung des Debakels vom Jahr zuvor.

Im Hotel fand Tommy Richter die Band beim Abendessen mit ihrem britischen Tourbegleiter Colin Richardson. Richter beugte sich zu ihm und flüsterte betroffen: „Colin, es hat ein zweites Scheessel gegeben. Sagst du es ihnen bitte“. Späts nachts kam die Starshio Crew in den „Nassauer Hof“ zurück. Mitglieder der Band ertränkten ihren Kummer in der Bar, waren aber noch über das ganze Ausmaß der Katastrophe nicht informiert. Sie hatten nämlich fast alles verloren. Das Equipment, das sie in zwölf Jahren perfekt abgestimmt hatten. All ihre Gitarren: Chaquicos Les Paul Sunburst von 1959, seine 57er Gold Top. Den Fender Jazz Baß, den Pete Sears seit sechzehn Jahren ausschließlich gespielt hatte. Barbatas altgediente Becken. Insgesamt fünf Gibsons, fünf Fenders zwei Rickenbackers, eine Ibanez Double Neck, ein Spezial-Baß, zwei Guild Acoustics und zwei Electric-Acoustic Ovations.

Die Starship hatten für 350 000 DM Equipement aus den USA nach Deutschland gebracht. Gerät im Wert von ungefähr 30 000 DM blieb erhalten, darunter drei Mixer, die die Toningenieure auf heroische Weise gerettet hatten. Kantner nippte an seinem Drink. Er war ein wenig in der Defensive. Schließlich hatte er entschieden nicht aufzutreten. „Wenn ich dieselbe Entscheidung nochmals zu treffen hätte“, sagte er einigen Zuhörern, „würde ich wiederum nicht spielen.“ Scheißkerl, rief ein überraschter Roadie. „Ich habe heute mein Leben riskiert, und du sagst, du würdest es noch mal machen.“ Er konnte sich nur schwer zurückhalten, seinem Boss einen Kinnhaken zu versetzen. „Du hast dich nicht mal bei mir bedankt“.

Sonntagmorgen. Thompson und Kuhls diskutierten schon über die finanziellen Auswirkungen, als die Band einen Bus bestieg, um sich das Trümmerfeld Loreley anzusehen. Doch dann verschob man die Diskussion. Alle Energie wurde gebraucht, um genügend Equipement aufzutreiben, damit nicht auch das Konzert am nächsten Tag in Hamburg abgesagt werden musste. „Wir wollen nicht absagen, wenn;s irgendwie geht,“ sagte Thompson dem Promotor. „Wir wollen spielen.“

Die Starship-Leute erschienen um vier Uhr nachmittags. Als Kantner durchs Tor schlenderte, sagte Max Norman, ein Roadie des englischen TFA/Elektrasound-Anlagenverleihs, zu ihm: „ Ihr hättet spielen müssen.“ Kantner gab keine Antwort.

Dann ging Norman wieder rüber zu seinem Boß, Huw Price, einem Elektrasound-Direktor, der die schlimme Nachricht um vier Uhr nachts gehört hatte und mit dem ersten Flug gekommen war. In der noch schwelenden Asche stehend, holte Price die Zoll-Carnets aus der Tasche und las detailliert jedes Stück Anlage vor, das sie für die Show importiert hatten. Gewissenhaft folgte er der Liste: 50 Lautsprecherkabel.“ Die kannst du vergessen“, rief Norman, “ die sind im Feuer gelandet.“ Und das Mischpult? “Das ist völlig demoliert. Und die Lautsprecher?“ „’Ein paar haben wir noch retten können, aber die zwei Türme da drüben, die sind völlig hinüber.“ Als sie ihre Kalkulationen beendet hatten, hieß es, dass allein das Equipment von TFA fast 400 000 DM ausmachte. „Scheiße“, schäumte Norman,“ warum hat uns keiner benachrichtigt. Bis zum letzten Moment hat uns keiner was gesagt. Wir hätten`s auch garantiert nicht dem Publikum verraten. Wir hätten nen ganzen Haufen Kram abbauen und wegschließen können, hätten wir nur ein bisschen mehr Zeit gehabt.“

Während der Bus durch das Rheinland kroch (Geschwindigkeitsbegrenzung 80 km) diskutierten die Musiker. Sollten sie überhaupt noch in Hamburg spielen? Falls sie`s täten, würde Grace mitmachen? Was sollten sie den Leuten bei der Pressekonferenz am nächsten Morgen um 11 Uhr erzählen? „Ich wird ihnen sagen, daß wir nur Befehle befolgt haben,“ meinte Kantner, auf die Nürnberger Prozesse anspielend. „Ich hab die Entscheidung getroffen“, fügte einer hinzu,“ und dabei bleibts, ob richtig oder nicht.

HAMBURG

Dreizehn Stunden später standen sie fröstelnd vor der Tür des Hamburger „Plaza Hotels“. Vier Uhr früh, Montag. Alle außer Tommy Richter gingen sofort ins Bett. Richter eilte ans nächste Telefon, irgendwie musste er jetzt genügend Verstärker und Lichtanlagen zusammenkriegen, damit Jefferson Starship die beiden weiteren Gigs in Deutschlang spielen konnten. Und das 18 Stunden vor dem nächsten Auftritt. Obwohl alle nur drei oder vier Stunden geschlafen hatten, erschien die Band mit nur fünfzehnminütiger Verspätung zur Pressekonferenz. Und siehe da, auch Grace Slick erschien. Die meisten der Musiker und Begleiter bekamen sie zum ersten Mal seit Freitag zu Gesicht. Mit wackligen Beinen ging sie auf die Reporter zu und nahm Platz. Ihr Gesicht war kreidebleich. „Wie fühlst du dich heute?“, fragte ich. „Nicht gut“, antwortete sie kühl. „Falls du gewusst hättest, was auf der Loreley passieren würde, wärest du dann auch nicht aufgetreten?“

„Nur mit einer tragbaren Toilette “,gab sie spitz zurück- Keiner stellte mehr eine Frage an sie. Deutsche Roadies kamen aus allen Richtungen nach Hamburg, um auszuhelfen. Muskelprotze in T-Shirts bevölkerten die Bühne. Lake offerierten ihr PA und die Bühnenanlage, das übrige Equipment stammte aus diversen Läden. Thompson kümmerte sich derweil um die rechtlichen Angelegenheiten. Ken Clancy, Managing Director von RCA England, erschien zusammen mit Ralph Mayes, dem RCA-Europa Manager. Neben ihnen an der Plaza Bar saß Leon Dean, RCA Deutschlands Nummer zwei. Rechtsanwälte formulierten Deals und Gegendeals. Doch Werner Kuhls wollte von alledem nichts wissen. “Lasst die Rechtsanwälte da raus“, sagte er, “Sobald die ihre Nasen erst einmal reingesteckt haben, geht die Streiterei noch jahrelang weiter, und keiner, ausgenommen sie natürlich, sieht einen Pfennig.“

18 Uhr, und wirklich jeder war im Congress Centrum erschienen. Kantner schloss seine geliehene Telecaster an und peitschte die ersten Akkorde von „Ride The Tiger“ raus. Plötzlich erwachte der Laden. Einhundert strahlende Gesichter erleuchteten den Saal. „Heiliger Bimbam“, schrie irgendeiner begeistert, „es geht doch noch los “.

Um 18.30 Uhr waren alle, ausgenommen Grace Slick, auf der Bühne und probten nochmals “Ride The Tiger „. Obwohl man auf völlig fremden Equipment spielte, fand jeder, dass die Anlage gut klang. Aber wo war Grace? Würde sie auch noch erscheinen ? Zwanzig Minuten vor Konzertbeginn kam sie dann. Besser gesagt, sie wankte herein. Jeder sah, dass sie in schlechter Verfassung war. Sie lehnte matt an der Wand. „Andy “, bat mich die Presseagentin der Band, „bitte sprich unter keinen Umständen mit Grace! Bitte!“.

Auf die Idee wäre ich selbst nie gekommen...... 21.15 Uhr. Starship-time. Die Band kam auf die Bühne und legte gleich mit ”Tiger” los. Sie klangen beinahe überzeugend. Aber was war mit Grace los? Schon jetzt hatte sie mehrmals ihren Einsatz verpatzt und recht merkwürdige Texte gesungen. Dann plötzlich ließ sie sich auf dem Bühnenrand nieder; ihre Beine baumelten den Leuten in der ersten Reihe vor der Nase. Ne Sekunde später war sie dann ganz unten und fing an, Mädchen zu befummeln. Die grinsten nur ganz nervös zurück. Doch dann war die Slick völlig weggetreten; sie wankte nur noch die Reihe lang und nöhlte unverständliche Texte.

Zwei Stücke später jedoch kam sie nach oben zur Band zurück. Sie ging auf Kantner zu und hielt ihren alten Liebhaber, der gerade sang, die Hand vor dem Mund. „Nun, du bist schließlich ihr Vater“, keifte sie und bezog diese verworrenen Worte anscheinend auf ihre gemeinsame Tochter China. Und dann legte sie ihren Arm um David Freibergs Schulter. Dann um Balins. Chaquico sagte ihr, sie solle mit diesem Unsinn aufhören. „Guck dir das kleine Arschloch an“ geiferte sie, „er ist erst 22!“ . „Heiliger Himmel“, lachte sie, „ich habe ne gute Portion jüdisches Blut in mIr!“ Und zack, war sie wieder runter von der Bühne und verteilte – wohl spaßig gemeinte – Ohrfeigen an die Leute in der ersten Reihe. Plötzlich ging sie auf ein Mädchen zu, und mit überraschender Präzision steckte sie der Armen einen Finger in die Nase. Dann zog sie ihn wieder raus und wischte ihn an der Wange des nächsten Mädlchen ab.

Abermals kletterte sie auf die Bühne zurück, diesmal nur, um Chaquico in den Schritt zu fassen. Danach sprang sie gleich wieder runter ins Publikum und sang nun ihre abstrakten Texte, nachdem sie sich einem Mann auf den Schoss gesetzt hatte. Die Band kämpfte verbissen. Präzise hielten die Musik den Rhythmus und versuchten zu vertuschen. Was nicht zu vertuschen war. An beiden Seiten tanzten die Musikerfrauen mit grimmigen Gesichtern. Wie Grace Slik so vor der Bühne umherhüpfte, erinnert sie stark an eine armselige erwachsene Ausgabe einer Shirley Temple, die neckische Liedchen absondert.Noch einmal erkletterte Ms Slick die Bühne, um ihr Duett „ Better Lying Down“ mit Pete Sears am Piano zu singen. Sie griff ich das Mikrofon und stotterte: „ Ich weiß nicht..... Ich Weiß nicht, ob jemand `nen Scheiß auf die Engländer gibt..... Es tut mir Leid, dass ich in Wiesbaden keine tragbare Toilette hatte“. Mann, die meint mich! Frau Slick ist Ist wahrscheinlich immer noch sauer wegen meiner Fragen bei der Pressekonferenz am heutigen Morgen. Nun, jetzt war sie’s wenigstens los und konnte endlich das Lied singen. Es hatte zwar nicht mehr viel Ähnlichkeit mit dem „Better Lying Down“, das man von früher kannte, aber plötzlich war Grace richtig heiß und sang ihren Blues, schrie und stöhnte ihre wahnsinnigen Worte. Doch kaum war der Song vorbei, erklärte sie dem erstaunten Publikum:“ Okay, alle Mann aufstehen und ab nach Hause.“ Keiner bewegte sich.

Als Kantner nun mit „Wooden Ships“ begann, stürzte sie ihn zu und versuchte, ihn in den Hintern zu treten. Kantner verzog keine Miene. „Was willst du denn mit deinem Holzschiff? Es jemand in den Arsch stecken?“, schrie sie. Nach dieser makabren Einlage war das Konzert zu Ende. Mit hängenden Schultern schlichen die Musiker von der Bühne. Nur Grace blieb noch, auf dem Schlagzeugpodium sitzend, das Mikrofon in der Hand. Die Menge oder das, was von den 1800 Leuten, die rund 30 DM pro Kopf bezahlt hatten, übriggeblieben war, applaudierte begeistert. „Zugabe... Zugabe...Zugabe“ schrien sie. Balin kam auf die Bühne zurück. „Wollt ihr wirklich mehr?“ , fragte er fast ungläubig.„Jaa“- Zum Dank spielten Starship nun das irrwitzigste „White Rabbit“, das sie je hingekriegt hatten, von einem kreischenden Feedback begleitet. Paul Dowell, der zusammengeflickte Roadie der Band, nahm Graces Hand und führte sie runter von der Bühne. Im Gang hinter der Bühne ging Balin aus sie zu. „Grace“, sagte er, „Du weißt dass ich diese Tour nur mitgemacht habe, weil du mit gesagt hast, dass du mich brauchst. Nun, können wir uns morgen mal bei einem Essen zusammensetzen und uns darüber unterhalten“ „Nein“, schnappte sie. „Können wir s denn nicht bei einer Tasse Kaffee bereden?“ „Nein“ wiederholte sie. „Ihr Typen interessiert mich nicht mehr die Bohne“. Etwas später sagte der todtraurige Balin: „Wie konnte sie das nur tun? Vor allen Dingen, nachdem sich jeder den Arsch aufgerissen hat, um die Show doch noch hinzukriegen?“

Dienstag 12.30 Uhr, unterschrieben die Vertreter von Werner Kuhls, sein Bruder Lothar, Thompson und die RCA-Anwälte im Plaza Coffee-Shop einen Übereinkunft. Als einmalige Entschädigung, falls es zu Prozessen wegen Vertragsbruch und anderen Schadensersatzforderungen kommen sollte, würden Jefferson Starship den Scheck über 145000 Dollar, den sie von Sunrise schon vor den drei vereinbarten Konzerten erhalten hatten, wieder zurückgeben. Von dem Konzert in Berlin sprach eh niemand mehr... Wieder ein Band-Meeting. „Die ganze Scheiss-Kiste ist einfach ne Nummer zu groß geworden“, meinte jemand. „Das ist einfach zu unkontrollierbar. Wir wollen keine Fleetwood Mac werden, das ist einfach Irrsinn. Lasst uns wieder auf den Teppich kommen. Wir holen uns kleinere Verstärker und spielen wieder in kleinen Hallen“. Alle klatschen beigeistert, mit Ausnahme von Barbata: „Schwachsinn, Leute, lasst uns auf der Welle reiten, solange wir noch oben sind“


KNEBWORTH


Der englische Festival-Veranstalter von Knebworth, wo Starschip am Samstag als zweiter Headliner spielen sollten, war plötzlich am Telefon. Er wollte, dass sie auftreten, komme, was wollt. Sie kamen überein, ohne Grace zu spielen- das erste Mal in der ganzen Band-Geschichte. Aber sie brauchten dringend `ne neue Anlage`,- Das sei kein Problem. Und ein Übungsraum? Da könnten sie das Londoner „Rainbow“ für zwei Tage haben. „Wir sollten uns The Jefferson Wheelchair nennen“, scherzte Balin. „Grace Slick and The Jefferson Wheelchair...“

England. Mittwoch. Keiner sprach mehr davon, auch den Knebworth-Auftritt abzusagen, als die Anlage auf der Rainbow-Bühne aufgebaut wurde. Kein Alkohol, kein Dope. Jemand kam mit der erfreulichen Nachricht, dass Tom Petty and The Heartbreakers, die auch in Knebworth auftreten sollten, Starship ihre komplette Anlage, einschließlich eines richtigen Klaviers, ausleihen würden.Jetzt blieb ihnen nur noch wenig Zeit, wenigstens die wichtigen Songs neu proben. Sie saßen da, lauschten den Passagen (vom Kassettenrecorder), die Grace gesungen hatte, und arbeiteten neue Arrangements aus. Balin sollte die meisten Gesangsparts übernehmen und Freiberg würde “Pride Of Man“ aus seinen alten Quicksilver Messenger Sercice-Tagen singen. Donnerstagnacht. Die Band hatte die ersten Proben im „Rainbow“ hinter sich und erholte sich nun in einem Restaurant des „Carlton Tower Hotel“. Es galt, den Geburtstag von Manager Bill Thompson zu feiern.

Man hatte das Hauptgericht hinter sich, und nun erschienen die Kellner mit dem kerzengeschmückten Geburtstagkuchen. Ein kleiner Schubs genügte, und schon war Barbatas Kopf tief im Marzipan verschwunden. Die Hölle brach los. Kuchenstücke segelten durch den Raum, landeten in Musikerhaaren und klatschten gegen die Wände. Dann flogen die Teller... Etwa eine Stunde später verließen die Starship-Leute das Restaurant um gute 500 Pfund ärmer, aber dafür war auch all der in den letzten Tagen aufgestaute Druck von innen genommen. Der ganze Ärger, die Frustration und all die Aufregung waren wie weggeblasen.

Die Proben am Freitag liefen dementsprechend gut. Nur zum Schluss gab’s noch ein kurze Diskussion, als Chaquico verlangte, ihm mehr Saft für seine Soli zu geben. Aber so richtig interessierte das nun niemanden mehr zu tun, als abzuwarten und für Knebworth zu beten. Samstag. Knebworth. Der Bandbus brauchte etwa 90 Minuten von Knightsbridge bis zum „Hertfordshire-Manor-House“, wo das Festival über die Bühnen gehen sollte.

Die Sonne schien, und als der Bus an der Umzäunung des Festival-Geländes lang fuhr, konnte man die vielen Zehntausend sehen, die bis an den Horizont dort kampierten. „Jesus, was für n Kick.“ Zwei Stunden später kamen die Slicklosen Starship auf die Bühnen. Das Publikum, das sich durch Auftritte der Atlanta Rhythm Section, Devo und Tom Petty gegähnt hatte, war lethargisch. Viele Schliefen. Wieder „Ride The Tiger“. Besonders gut klang’s nicht. Aber die Band spielte auch ohne Soundscheck auf einer ihr unbekannten Anlage. Man brauchte die ersten Stücke, um sich mit dem Equipment vertraut zu machen. Die Musiker waren sehr nervös. Irgend etwas musste jetzt passieren. Sie brauchten Auftrieb. Dann zog Sears sein Bass-Solo ab. Fünf Minuten lang attackierte er sein Instrument... Und das Volk erwachte. Zum ersten Mal an diesem Nachmittag.

Ein paar Typen vorn vor der Bühne schrien “ Grace Slick“... Grace Slick „. Aber die meisten anderen interessierte das wenig. Die Nachricht ihrer Abwesenheit war am vorherigen Tag bei einer großen Pressekonferenz im „Park Tower Hotel“ bekannt gegeben worden. „Volunteers“, der Demonstrations Schlachtruf der späten 60er brachte alles in Lot, und dann stieg Balin in einen alten R&B-Song ein, den sie noch in den Staaten geprobt hatten. Die anderen Musiker gingen mit und lieferten ihm den Rhythmus. Tausende standen plötzlich auf, winkten und tanzten.

Das Starschip flog ein gutes Stück über die Zeit. Hinter der Bühne, kaum einzusehen, versuchte ein Roadie des Veranstalters den Hauptschalter für den Strom auf Null zu stellen. Paul Dowell hinderte ihn daran. “Wehe Alter, du versuchst das nochmall“, knurrte er ihn an. Doch dann war die Show trotzdem zu Ende. Der Applaus wuchs zu einem anhaltenden Schrei. „More...More...More.“.-Starship kamen noch einmal auf die Bühne, spielten ihre Zugabe, und alle tanzten noch einmal begeistert mit.

Es war gelaufen. Sie hatten s geschafft. Aber es war ein Mirakel, dass Starship überhaupt nach Knebworth kamen. Dass sie das Publikum auf ihre Seite bekamen und eine Zugabe geben mussten, das dürfte man wohl zu einem der wenigsten Wunder dieser Welt zählen können.

-------------------------------------------------

 
 

burning stage

 

the day after

 

 

JS & promoter


back to Europe - Tour 1978